Sie besass eine Sammlung, viele Klassiker, die Werke grosser Autoren hatte sie in den handgearbeiteten Holzregalen untergebracht. Eiche, wie passend, dachte ich, hundert Jahre wuerden sie halten und die schweren Buecher wuerdevoll tragen.
Was sollte sich schon aendern.
Die aeltesten Werke hatten Drucker vor mehr als hundert Jahren erschaffen, auf gutem Papier, fein gebunden, so unglaublich viel Wortgewandheit, Kreativitaet und Wissen, vereinigt und aneinandergereiht, wie wunderbar. Viele dieser Buecher habe ich als Kind geoeffnet, nur um daran zu riechen, oder um zu hoeren, wie der Buchruecken knackt, wenn man das Wissen oeffnet.
Spaeter in meinem Leben fing ich an zu lesen, neugierig, weil die Buecher dazu einluden, viele Stunden lang. Die kleine Bibliothek meiner Eltern stand immer im Wohnzimmer, man brauchte nur zugreifen, eines der Buecher herausnehmen.
Ich glaube, sie hat sie alle irgendwann geoeffnet und gelesen.
Heute ist alles in gewoehnlichen Kisten verstaut. Sie wohnt schon lange nicht mehr dort, wo die Buecher standen.
"Ich muss noch zur Bibliothek. Vielleicht nach dem Einkauf?" Sie kannten sie alle dort, die Damen in der Buecherei. Viele Jahre lang hatte sie diesen kleinen Ausweis, den sie zeigte, wenn sie wieder sechs, sieben oder mehr Buecher mitnahm, nur um sie nach zwei Wochen zurueckzubringen, eigentlich nie zu spaet, und wenn doch, dann stoerte es nicht. Sie wuerde niemals Buecher verlieren oder verlegen, dazu waren sie zu wichtig.
Und wenn ich abends spaet zurueck kam, las sie oder sie war ueber den Seiten eingeschlafen, und manchmal zog ich ein Buch sanft unter ihrem Kopf weg, sie bewegte sich kaum dabei. Ich legte es auf den kleinen Tisch neben dem Bett, machte das Licht aus und hoerte zu, wie sie schlief.
Das Wissen, das sie in den Buechern gefunden hat, ist verschwunden, nicht uebernacht, nein schlimmer noch, es hat sich sich langsam in nichts aufgeloest.
Und wir standen daneben und konnten nichts tun. Weil es einfach nichts gibt, was man tun kann.
Es faengt langsam an, harmlos nennt man das wohl. Hier und da vergass sie Dinge, ihre Zeit verschob sich, Stunden wurden zu Minuten. Sie trug Termine stets in ihrem Kalender ein.
"Um Himmels willen, was machst du denn?"
"Ich muss zum Arzt, das weisst du doch."
"Mutter, es ist vier Uhr morgens, kein Arzt hat um diese Zeit auf."
"Aber ich will doch nicht zu spaet kommen. Und der Bus braucht so lange."
"Ich bringe dich, lass uns schlafen, es ist viel zu frueh. Ich wecke dich auf und bringe dich hin. Aber nicht jetzt, es ist wirklich viel zu frueh. Geh ins Bett, ich bringe dich hin. Mach dir keine Sorgen."
Es war nicht mehr wie es frueher war, und es wuerde nie mehr so sein, wie es immer war.
Sie erkennt uns noch, mich und meinen Bruder, aber wer weiss, was in ihr vor sich geht, wenn sie versucht einen Satz zu formulieren, und wer weiss, was es fuer sie bedeutet, Soehne zu haben. Sie lebt in ihrer Welt. Ich glaube, dass sie auf ihre eigene Art und Weise gluecklich ist, oder zufrieden zumindest. Sie weiss nicht, was Stress bedeutet. Sie weiss nicht, was Zeitdruck ist. Menschen sorgen fuer sie, denn zu Hause koennte sie schon lange nicht mehr sein. Es waere viel zu gefaehrlich. Sie kann nicht mehr fuer sich selbst sorgen, sie kann nicht mehr allein bleiben, sie kann nicht mehr leben, ohne das jemand aufpasst.
Die Zeit ist fuer sie langsam, oder anders, oder ich weiss es nicht.
Die Erinnerung ist nicht mehr.
Sie kann nicht mehr lesen.
Und die Buecher sind verschwunden.
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