Oder: Warum ich niemals professioneller Photograph sein moechte.
Deswegen. Was dort bei "Kwerfeldein" geschildert wird, ist natuerlich nur ein Beispiel, stellvertretend fuer das, was da draussen mit der Hilfe von Aperture, Lightroom, Photoshop und endlos vielen plug-ins und tools und Programmen passiert. Der Photograph entdeckt ein Bild in seiner Sammlung - den Gedanken mag ich uebrigens sehr gern - aber er wuerde das Bild so nicht in die "freie Laufbahn lassen", also wird geschaerft, gemaskt, ge-was-weiss-ich-was-t. Der Photograph wird zum Bildnachbearbeiter. Von dem, was er urspruenglich gesehen hat, was er erlebt hat, ist kaum etwas geblieben. Das Bild verfaelscht die Tatsachen. Der Bildbearbeiter verschoenert das Original solange, bis es seinem Ideal entspricht. Es sieht nett aus. Aber es nie so passiert.
Wenn das urspruengliche Bild nichts taugt, ist die nachtraegliche Aufhuebschung, um es publizierbar zu machen, um es verkaueflich zu machen, meiner Ansicht nach diskussionswuerdig. Ich fuer meinen Teil habe schlicht und einfach keine Lust zu solchen Photoshoporgien.
Vor einiger Zeit erregte der Fall des Photographen Klavs Bo Christensen Aufsehen. Christensen hatte in Haiti geschossen und die RAW files bearbeitet. Ein bischen zu viel bearbeitet, wie die Jury befand, denn Photos "submitted to Picture of The Year must be a truthful representation of whatever happened in front of the camera during exposure". Und man braucht keine Experte zu sein, um zu sehen, dass genau das bei diesen Bilder nicht der Fall war. Christensen argumentierte, dass RAW files nie dem finalen Ergebnis entsprechen wuerde. Damit hat er sicher recht, nur wie weit darf oder soll man bei der Bearbeitung gehen?
Ein anderes Beispiel: DP Review, Challenge of the Challenges 2009, das Siegerphoto. Laecherlich. Als Gemaelde sicher nett (naja, fuer jemanden, der Kitsch mag), als Photo nach meinen Massstaeben unglaubwuerdig. Das ist soviel Kontrast, Farbe und Schaerfe im Spiel, dass meinen Augen schlecht wird. Das hat es so nie gegeben und wurde deswegen auch nicht photographiert.
Bildfaelschung hat Tradition und ist mindestens so alt wie die Photographie. Nehmen wir das Beispiel der roten Fahne auf dem Reichstagsgebaeude in Berlin. Hier und da eine Veraenderung, einer Verhuebschung, einer Hervorhebung, Sekunde mal, hatten wir das nicht schon mal? Weiter oben im Text?
Analog geschossene Bilder werden in der Dunkelkammer bei der Entwicklung veraendert, ist das nicht auch Bildbearbeitung? Ist es, keine Frage, nur geht es dabei um die Grundfunktionen wie Belichtung. Wenn das Bild dagegen digital nachgeschaerft wird, nachgeschaerft werden muss, hat der Photograph versagt.
Es gibt Beispiele der experimentellen Bildbearbetng, mit denen ich auch gespielt habe, und die mir enorm viel Spass gemacht haben: HDR z.b. oder Fake Miniatures. Witzig, klar, aber jeden Tag, jede Stunde, jede Minute liefert die Welt Billiarden von photographierwuerdigen Augenblicken. Man muss nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und ne Kamera dabei habe, die nicht ganz scheisse ist. Photographie ist wirklich einfach. Wer das Bild nicht sieht, es nicht findet, ist kein Photograph. Wer eine halbe Stunde damit verbringt, das Bild zu schiessen, um dann eine halben Tag am Computer zu verbringen, um es aufzupolieren, ist Bildbearbeiter.
Mir ist schon klar, dass alle Photos, die heutzutage publiziert werden, berarbeitet werden. Manchmal allerdings reicht es, die Grundregeln zu befolgen, z. B. frueh aufzustehen, um Bilder zu erleben, bei Bildern dabei zu sein, die man einfach nur festhalten muss, und die keine Berabeitung benoetigen. Die Art Bilder mag ich.
Dem Himmel sei Dank, ich bin wirklich nur Amateurknipser. Ich hab einige Photos verkauft, aber ich lebe davon nicht. Aber ich bin auch kein Bildbearbeiter. Ich stehe lieber frueh auf.

Bravo. Volle Zustimmung.
Posted by: The Cartoonist | 13 February 2010 at 12:02 PM
Word! Danke.
Posted by: Weltentummler | 13 February 2010 at 12:11 PM
Wie wahr!!!
Posted by: Richie | 13 February 2010 at 12:23 PM
Nein!
Ein schönes (gutes Bild) ist ein Bild das schön ist. Wie es erschaffen wurde, ob gemalt, fotografiert, retouschiert, mit den Füßen, der Nase, von einem Hund, ist mir vollkommen egal!
Bei einem Foto:
Ich sehe nur das Ergebnis. Ich seh das, was mir der Fotograf/Pixelschupser/Manipulator zeigen will. Und das ist oft noch ein anderer, weiterer Weg als nur das Knipsen!
Das kann mir gefallen oder auch nicht. Auch kann es sein, dass ich den Weg zum Ziel bewundere. Ob der Weg dahin ein steiniger, früh am Morgen, oder ein koffeinseeliger Abend war, ist doch egal...
Daher: Nö! Zu schwarz/weiß um es zu verallgemeinern, aber ein netter, traditioneller Standpunkt :)
Posted by: twitter.com/Signal77 | 13 February 2010 at 01:45 PM
Nee, Signal77, Du hast da etwas mist-verstanden, glaube ich.
Posted by: The Cartoonist | 13 February 2010 at 04:47 PM
Mario, bei Kwerfeldein gab es Kommentare von Leuten, die meinten, sie wollten jetzt mal ihre Photos durchwuehlen, um zu sehen, ob sie nicht genau diese Bildbearbeitungsvorschlaege anwenden koennten. Falsche Einstellung. Die meiner Ansicht nach richtige Einstellung waere, die Kamera bereit zu halten, um rauszugehen, um das Photo zu schiessen. Zur richtigen Zeit, am richtigen Ort.
Jeder mit Verlaub Dummkopf kann sich Photoshop kaufen und es anwenden. Es braucht nur Zeit und Uebung. Das ist Bildbearbeitung.
Blende, ISO, Belichtung zu einem Moment exakt einzustellen, das ist Photographie. Das mag traditionell erscheinen, damit habe ich keine Probleme.
Nett? Ich glaube nicht. Das hiesse z. B., die Arbeit der Magnum Photographen als nett zu bezeichnen.
Ich will mich sicher nicht in eine Reihe dieser Damen und Herren stellen, aber ein gutes Bild entsteht, wie ich finde, nicht am Bildschirm, es entsteht in der Kamera. Und es bedarf dann lediglich einiger weniger Korrekturen.
Ich sehe nicht nur das Ergebnis, ich sehe die Entstehung,
Posted by: Konstantin | 13 February 2010 at 08:05 PM
Viel schlimmer finde ich dass solche Bilder irgendwann zu grossen Enttaeuschungen fuehren koennen:
Naemlich dann wenn Leute von den Bildern angeregt einen Ort besuchen, nur um dann festzustellen dass es dort irgendwie nie so aussieht, noch nicht einmal unter perfekten Bedingungen.
Ich glaube kaum einer hat etwas gegen ein paar schnelle Reparaturen, es geht um die Idealisierungen und effektiven Verfaelschungen dessen was dort gesehen wurde (bzw werden kann).
Posted by: Armin | 13 February 2010 at 08:08 PM
An diesem Thema denkle ich auch schon lange rum. Beruflich habe ich regelmäßig mit Fotografen zu tun, die ganz verschiedene Aufgaben und sehr unterschiedliche Arbeitsweisen haben.
So habe ich zum Beispiel mit Portraitfotografen gearbeitet, die eine Aufnahme stundenlang vorbereiteten: Mit drei Assistenten den Originalschauplatz ausleuchteten, die Kamera platzierten, mit Stand-ins nochmal ausleuchteten, die zu portraitierende Person von einer Stylisten herrichten ließen und positionierten. In diesem Fall betätigte der Fotograf den Auslöser ein paar Mal, zog den Speicherchip aus der Kamera und reichte ihn mir, damit ich mir davon die Fotos holen konnte. Fertig.
Dann gab es wieder Fotografen (die meisten), die ich auf dem Gang durch Werkhallen begleitete oder auf Tour schickte. Von diesen bekomme ich die Bilder immer erst zwei Wochen nach der Aufnahme - bearbeitet. Da sie nicht den Auftrag haben, gerichtlich belastbares Material zu erstellen, hinterfrage ich das nicht. Aber welche Methode ist höher einzuordnen?
Posted by: kaltmamsell | 14 February 2010 at 03:33 PM
Hi
ich fotografiere gerne - auch viel - und versuche, aus meinen Möglichkeiten das Beste zu machen. Aber auf Reisen bin ich nicht immer zur optimalen Zeit bei optimalem Wetter am passenden Ort. Aber es soll meine Erinnerung sein und nicht einen idealen Moment verdeutlichen. Deswegen freue ich mich an Bildern, so wie ich sie mache. Wobei die "Fälschung" ja schon mit dem Moment beginnt, in dem ich das Objekt auswähle. Warum fotografiere ich den schönen Ausblick und suche einen Standpunkt, bei dem nicht die wilde Müllhalde daneben mit ins Bild kommt...
Und fürs Album habe ich dann Bilder auch schon beschnitten, um den Aspekt hervorzuheben, der Auslöser für mein Bild war und unschöne "Nebensächlichkeiten" zu beschneiden (wie Stromleitungen, parkende Fahrzeuge etc.)
"Modifiziert" wird also auch - bis zur Unkenntlichkeit verändert allerdings nicht.
Und deswegen bleibe ich immer nur "Knipser" und nicht Fotograf.
Mein Bruder ist gelernter Schriftsetzer und arbeite heute im grafischen Bereich mit Werbung. Selbst im billigsten Katalog ist nichts, wie fotografiert, geschweige denn, daß ein Bild in Illustrierten noch die Wirklichkeit abbildet. Nur glauben viele Menschen noch, daß wahr ist, was in der Zeitung steht....schlimm, wenn das für junge Menschen dann das Weltbild prägt.
Wendy
Posted by: Wendy | 19 February 2010 at 07:27 AM